Achtung: Jetzt kommt ein jammerschwerer Post – bitte nicht über Gebühr ernst nehmen, aber auch nicht meckern, daß ich jammere. Ich habe Euch gewarnt und ich muß mir das mal von der Seele schreiben.
Tja. Es geht nämlich irgendwie nicht voran für mich. Oder vielleicht habe ich mir einfach zu viel vorgenommen? Will an allen Fronten gleichzeitig mit dem Kopf durch die Wand? Sturheit, das habe ich im letzten Jahr rausbekommen, ist anscheinend ein Erbe meiner Familie. Zumindests mütterlicherseits. Sie ist gar nicht mal schlecht, ohne diese Sturheit hätte ich z.B. mein Studium nicht geschafft. Aber wenn mensch stur zig Dinge gleichzeitig machen will… naja. Kann kaum gutgehn, oder?
Zumal ich immer noch wie auf Notstrom funktioniere. Irgendwas raubt mir meine Kraftquellen. Ich habe lauter “Ich sollte” und “ich muß” im Kopf und vor lauter Opposition gegen die Pflicht laß ich es liegen. Und ärgere mich, daß ich z.B. mit meinen Netzprojekten oder mit beruflichem Kram nicht vorwärtskomme, während ich die winzigkleinen Schritte vorwärts gar nicht wahrnehme. Blöder Sumpf.
Und dann… tja, dann sah ich gestern abend auf Google Maps nach, wo denn jemand wohnt, denn ich kenne. Und da überkam mich so eine jähe Welle von Heimweh: so ein Gefühl von “da habe ich immer schon hingehört”. Nicht dieser konkrete Ort, zumal ich den noch nie gesehen habe. Mehr: die Erinnerung an zwei absolut gigantisch wundervolle Wochenenden und das Gefühl, daß sich da Fäden verflochten haben. Es sind sozusagen die Menschen, wo ich jetzt schon das Gefühl habe, dazuzugehören und da gut aufgehoben zu sein.
Ich hatte das nie, sowas wie Heimat, ich war immer eine Vagabundin, gut, seit 10 Jahren temporär seßhaft. Aber home is where the heart is. Und verdammt, warum müssen die Leute, bei denen ich mich wohl und zu hause fühle, alle so weit auseinander wohnen, oder eher: warum ist das so problematisch, daß ich eben viel reisen muß, um mit allen, die ich mag, Zeit zu verbringen? Ja, im Moment: Weil Zeit und Geld nicht so üppig vorhanden sind. Und dazu habe ich dieses Gefühl, daß Berlin nicht mehr der Ort ist, an dem ich leben will und doch klebe ich hier fest. Versteht mich nicht falsch: Berlin ist eine schöne Stadt und hat viel zu bieten. Doch irgendwas sagt mir, daß meine Zeit hier vorüber ist. Vielleicht werde ich diese Stadt sogar mehr lieben, wenn ich nicht mehr hier wohne.
Tja, vielleicht sollte meine Magie in nächster Zeit einen Job einschließen, der mir ermöglicht, alle meine Lieben zu besuchen. Seit London ist meine Reiselust, die noch nie schwach war, gewachsen.
Überhaupt, London, das war in mehrerlei Hinsicht eine Initiation: einmal der erste Auslandsaufenthalt in meinem erwachsenen Leben, wo ich so richtig mit einer fremden Kultur und Sprache konfrontiert war. Linksverkehr! Wie mich das erstmal durcheinandergebracht hat! Wie ich auf einmal ganz genau die Lücken in meinem Schul- und Universitätsenglisch spürte – und Kommunikation klappte trotzdem!
Auch der Workshop über bulgarisches Singen, den ich mitgemacht habe, hat mich in eine vollkommen fremde Stimm- und Musikkultur geworfen und ich habe es genossen.
Und dann: Fliegen! Mein letzter Flug davor war, als ich acht Jahre alt war, mit einer klapprigen Aeroflot nach Bulgarien. Ich kann mich nur noch schemenhaft daran erinnern. Wir hatten auf dem Hinflug ja solches Glück mit dem Flugwetter, und dieser Moment des Abhebens, der war einfach wundervoll und aufregend, und dann die Landschaft unter mir zu sehen. Suchterzeugend.
Vielleicht ist auch diese Reiselust Familienerbe: Meine Großmutter war eine große Reisende, als ich jung war, und ich erinnere mich noch heute gern an ihre Erzählungen von ihren Reisen. Dsas waren abenteuerliche Reisen, als eine alleinreisende Frau noch nicht so alltäglich war und sie wirklich weit reiste Und jetzt bin ich dran erinnert worden, daß die Welt immer noch groß ist und nichts die Erfahrung ersetzen kann, an einem bestimmten Ort zu sein – statt nur Bilder und Filme davon zu sehen.